Erkundungsreise in Kerala (Sept-Oct 2025)

[13.–17.09.2025] Reise nach Wayanad und Hofbesuche

Eingebettet in die Westghats im Norden Keralas ist Wayanad ein Hochlanddistrikt, in dem steile Hänge, Waldränder und Talsohlen eng ineinandergreifen. Die Landwirtschaft ist zentral für die lokale Existenzsicherung: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bauen Reis in den Tieflagen an, während die Hänge von Mischkulturen aus Kaffee, Pfeffer, Gummi, Früchten und Gewürzen geprägt sind. Dieses Mosaik aus Feldern und Waldstücken macht Wayanad zu einem Hotspot der Biodiversität – und zu einer Region, in der Fragen der Landnutzung, Klimaanpassung und ländlichen Einkommen im bäuerlichen Alltag besonders deutlich sichtbar werden.

Im Rahmen der Scoping-Phase machte sich das BF-Team nach Wayanad auf – in einen grünen, hügeligen Distrikt, in dem die Landwirtschaft sowohl die Landschaft als auch die Lebensgrundlagen prägt. Der Besuch war ursprünglich als Erkundungsreise geplant, entwickelte sich aber schnell zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Alltagen, der Kreativität und den Herausforderungen kleinbäuerlicher Landwirtschaft in der Region.

14. September – Agroforstsysteme und Bananenvielfalt in der Praxis

Erste Station war der Hof von Mr. Dileep Kumar K. J., einem Agroforst-Landwirt, dessen Flächen eher an einen sorgsam gestalteten Wald als an einen „klassischen“ Betrieb erinnern.

Beim Rundgang fiel sofort die Vielfalt ins Auge: Über uns ragten Rambutan- und Jackfruit-Bäume, während Pfefferpflanzen an Areca-, Gummibäumen und anderen Stämmen emporrankten. Dazwischen wuchsen Kaffee, Reis und Gewürze wie Kardamom. Jede Schicht – von der Baumkrone bis zur Kraut- und Strauchschicht – erfüllte eine Funktion und ergab gemeinsam ein lebendiges Mosaik aus Nahrungsmitteln, Einkommen und Lebensraum.

Aus der Nähe zu sehen, wie dieses System funktioniert, machte deutlich, dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Wayanad im Alltag umsetzen, was in vielen Strategiepapiere nur theoretisch gefordert wird: Sie verbinden Biodiversität und Produktivität, verteilen Risiken über verschiedene Kulturen und schaffen auf engem Raum widerstandsfähige Produktionssysteme. Der Besuch warf viele Fragen auf – und weckte gleichzeitig noch mehr Neugier darauf, wie solche Systeme langfristig bewirtschaftet und weiterentwickelt werden.

Am selben Tag hatten wir die Gelegenheit, den Hof von Mr. Nishanth Keloth zu besuchen, der eine beeindruckende Sammlung von rund 300 Bananensorten pflegt – darunter seltene lokale und internationale Varietäten. Obwohl er hauptberuflich im Staatsdienst arbeitet, investiert er seine Freizeit und nicht selten auch eigene finanzielle Mittel in den Erhalt und Anbau dieser besonderen Sorten. Sein Engagement zeigte sehr anschaulich, wie einzelne Landwirtinnen und Landwirte zu wichtigen Hüter*innen der Agrobiodiversität werden und genetische Ressourcen bewahren, die in stärker vereinheitlichten, inputintensiven Systemen leicht verloren gehen können.

15. September – Besuch im Community Agrobiodiversity Centre (MSSRF)

Am nächsten Tag besuchten wir das Community Agrobiodiversity Centre in Wayanad, die Regionalstelle der M. S. Swaminathan Research Foundation (MSSRF). Die MSSRF, 1988 gegründet, ist dafür bekannt, Wissenschaft und Technologie in den Dienst der ländlichen Entwicklung zu stellen – mit einem klaren Fokus auf soziale Gerechtigkeit und Naturschutz. Das Wayanad-Zentrum, seit 1997 aktiv, ist heute ein wichtiger Knotenpunkt für gemeinschaftsbasierte Biodiversitätserhaltung in der Region.

Wir wurden herzlich von Dr. Archana Bhatt (Wissenschaftlerin) und Mr. Sanil Pc. (Development Coordinator) empfangen, die uns in die Arbeit des Zentrums einführten – von der Erhaltung lokaler Sorten über die Unterstützung von Bauernorganisationen bis hin zur Stärkung von Nahrungs- und Saatgutsystemen. Im Gespräch mit dem Bereichsleiter, Dr. Niraj Joshi, rückten schnell die drängenden Fragen des Alltags in Wayanad in den Vordergrund:

  • zunehmende Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren an der Grenze von Wald und Agrarflächen
  • der Rückgang des Reisanbaus und seine Folgen für Ernährungssicherheit und Landschaft
  • veränderte Niederschlagsmuster und klimabedingte Belastungen
  • wie unterschiedlich die Risiken und Chancen für Bäuerinnen und Bauern aus verschiedenen sozialen Gruppen ausfallen
  • der dringende Bedarf, Wertschöpfungsketten zu verbessern und die finanzielle Resilienz von Haushalten in der Landwirtschaft zu stärken

Eine geführte Tour über das Gelände des Zentrums rundete den Besuch ab. Wir lernten Sammlungen traditioneller und medizinisch bedeutsamer Pflanzen kennen, von denen viele in enger, langfristiger Kooperation mit lokalen Gemeinschaften erhalten werden. Besonders eindrücklich war, wie konsequent die MSSRF wissenschaftliche Expertise mit partizipativer Arbeit vor Ort verbindet – nicht als Ergänzung, sondern als Kern ihres Ansatzes.

Ausblick

Die Tage in Wayanad waren intensiv, inspirierend und regten zu vielen weiteren Fragen an. Der Rundgang durch den Agroforst von Mr. Dileep, der Einblick in die außergewöhnliche Bananensammlung von Mr. Nishanth und der Austausch mit dem MSSRF-Team vermittelten uns ein lebendiges Bild davon, wie Agroforstwirtschaft, Agrobiodiversität und ländliche Lebensgrundlagen in der Praxis zusammenhängen – und welchen sozialen und ökologischen Spannungen diese Systeme ausgesetzt sind.

Wir sind Mr. Dileep Kumar K. J., Mr. Nishanth Keloth, Dr. Niraj Joshi, Dr. Archana Bhatt und Mr. Sanil Pc. für ihre Zeit, ihre Offenheit und ihre Gastfreundschaft sehr dankbar. Die Reise hat uns nicht nur wertvolle inhaltliche Impulse gegeben, sondern auch die Motivation gestärkt, den Austausch mit dem MSSRF Community Agrobiodiversity Centre und den landwirtschaftlichen Gemeinschaften in Wayanad weiterzuführen und zu vertiefen.